Ein kleines Mädchen in roten Gummistiefeln. Sie tapert auf die flache Pfütze zu. Setzt vorsichtig Füße und Stiefel hinein. Beugt den Oberkörper, stützt die Hände auf die Knie, geht ein bisschen in die Hocke und schaut nach unten. Auf das andere Element, das kalt durch ihre Stiefel zu spüren ist. Auf ihr Spiegelbild, ihr Gesicht, mit dem Himmel dahinter. Eine Welt. In einer Pfütze.

Ich liebe es sehr, dieses kleine Mädchen. Ich habe es vor einigen Wochen hier, vor meinem Haus, gesehen. „Beobachtet“ kann man nicht sagen: Ich bin es. Ich weiß noch, wie es war… Den Fuß im Stiefel in eine kalte niederrheinische Pfütze zu halten und nicht nass zu werden. Was ich damals nicht wusste, aber jetzt weiß: Die Pfütze enthielt die Welt. Den Himmel. Alles. Mich.

„Floaten Sie!“

Treibgut: Ein über Bord gegangener Container, halb unter Wasser, eckig, bunt, eine Gefahr für die Schifffahrt; leerer, tönender Blechkasten, von den Wellen gestupst und von den Strömungen getragen; als Fracht die Stille, das Plätschern, das Brüllen des Ozeans. Vielleicht wird er, zufällig, einmal aufgefischt werden, wahrscheinlich aber niemals einen Hafen, eine Destination erreichen.

Sich dem Meer überlassen, irgendwo angespült werden oder immer weiter unterwegs sein: in die unerhörte Fremde.

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Nerven. Gehirnzellen-Aktivität. Winzige Entladungen, elektrische Blitze. Winzige Sonnen, Supernovae, die aufleuchten und verglühen.

Gespräch mit F.: Die Anzahl der Sonnen in unserem Universum entspricht der Anzahl der Zellen unseres Gehirns – etwa 100 Milliarden.

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Rilke:

„Die Dinge sind alle nicht so faßbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alle sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert.“

Für mich sind Worte Reflexionen, blitzende Spiegelungen auf einer bewegten Wasserfläche. Das wirklich Wichtige vollzieht sich, da folge ich Rilke, in einem Raum des Unsagbaren, gleichsam unter Wasser. Ich habe Hoffnung für die Kunst, aber mir fehlt Rilkes unerschütterlicher Glauben an – oder Wissen um? – die Unvergänglichkeit von Kunstwerken. Vielleicht bin ich noch immer mehr Kritiker als Dichter.

Als Dichter gilt es, Rilke zu folgen: Diesen Glauben wahr zu machen. Wahr zu nehmen. Eine Sprache (oder Musik?) der Tiefsee zu finden, für die bleierne Last auf dem Ohr, das dumpfe Rauschen im Schädel, für das ungeheure Schweigen und Dunkel und die fragilen, durchscheinenden, phosphoreszierenden Gestalten darin.

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Abtauchen oder untergehen.