Im Atelier
Juni 27, 2008
Ich fange an zu glauben, dass ich sie mir ausgesucht habe, damit sie mir zeigt, wie man Künstler ist. Bei unserem ersten Treffen hatte wir schon über das Künstler-Sein gesprochen. Über das Bildnis des Dorian Gray. Wilde schreibt, sagte Jenny, dass viele schlechte Künstler interessante Menschen seien. Die Kreativität käme bei ihnen nicht in der Kunst zum Ausdruck, sie müssten sie leben. Wohingegen gute Künstler völlig uninteressante Menschen seien, die ganz in ihrer Kunst aufgingen. Den Rest des Beitrags lesen »
To see a world in a grain of sand
Juni 9, 2008
Ein kleines Mädchen in roten Gummistiefeln. Sie tapert auf die flache Pfütze zu. Setzt vorsichtig Füße und Stiefel hinein. Beugt den Oberkörper, stützt die Hände auf die Knie, geht ein bisschen in die Hocke und schaut nach unten. Auf das andere Element, das kalt durch ihre Stiefel zu spüren ist. Auf ihr Spiegelbild, ihr Gesicht, mit dem Himmel dahinter. Eine Welt. In einer Pfütze.
Ich liebe es sehr, dieses kleine Mädchen. Ich habe es vor einigen Wochen hier, vor meinem Haus, gesehen. „Beobachtet“ kann man nicht sagen: Ich bin es. Ich weiß noch, wie es war… Den Fuß im Stiefel in eine kalte niederrheinische Pfütze zu halten und nicht nass zu werden. Was ich damals nicht wusste, aber jetzt weiß: Die Pfütze enthielt die Welt. Den Himmel. Alles. Mich.
Triptychon (Selbstporträt)
Januar 11, 2007
Es dunkelt. Ein Januarnachmittag in Berlin. Da draußen, etwa dreieinhalb Kilometer von hier, in einem Wohnhaus in Kreuzberg, sitzt eine junge Frau am Schreibtisch. Ich sehe sie im Geiste vor mir, ihr helles Gesicht angestrahlt vom Schein der Schreibtischlampe. Der bläuliche Schein ihres Notebook-Displays spiegelt sich in ihren Brillengläsern. Sie hat die dunklen Haare zum Pferdeschwanz gebunden und schaut konzentriert auf den Bildschirm. Ihre Fingerspitzen tippen Sätze; das leise, spitze Klackern der Tasten ist unregelmäßig zu hören. Eine sehr schnelle Folge kurzer Morsezeichen: Punkt – Punkt – Punkt – Punkt – Punkt – Punkt. Pause. Dann weiter. Q-W-E-R-T-Z. Parkett eines rasanten Tanzes. In ihrem Kopf formt sie Sätze, zwischen Neuronen rasen Botenstoffe hin und her, Muskeln spannen und entspannen sich: ihre kühlen, schlanken Finger schreiben einen Text. Elektronen rasen, LCD-Einheiten leuchten: Schrift erscheint. Die junge Frau trägt einen ausgewaschenen hellgrauen Pullover, unter dem Tisch stecken ihre Füße in dicken Kunstfell-Hausschuhen. Am Schreibtisch friert sie leicht. Ab und zu nimmt sie einen Schluck Tee aus einer Tasse, die neben ihr, neben Aufzeichungen und Büchern, auf dem Schreibtisch steht.
Szene am Sommerabend
November 7, 2006
Ein warmer Spätsommerabend, nach der Arbeit. Im „Sofia“, Wrangelstraße. Nett hier, und nach den ersten Schlucken Weißwein ist das Leben nicht mehr ganz so trist. Es läuft schöne ausländische, größtenteils französische Popmusik, dem Klang nach entweder aus den Sechzigern oder ultrahippe Neo-Sechziger. Glaube, die belgischen Vaya Con Dios zu erkennen. Das „Sofia“ ist ein ziemlich szeniger, linker und verranzter Schuppen im mittlerweile sehr angesagten Wrangelkiez. War entweder früher mal ein Döner- oder Gözleme-Laden, für das geschulte Auge anhand eines Reliefs an der Wand, eine türkische Hirten- und Bauernszene, leicht auszumachen. Die Gipshöhle in der anderen Ecke alleine hätte auf eine italienische Billig-Pizzeria hingedeutet.