Das Aquarium

August 22, 2006 § 2 Kommentare

In der Staatsbibliothek (West). Mein Lieblingsgebäude in Berlin – als ich zum ersten Mal allein in der Stadt war, war die StaBi meine erste Anlaufstelle. Aus irgendeinem Grund wußte ich, dass es hier die Tageszeitungen der ganzen Woche gab. Vor neun Jahren lagen sie noch im öffentlich zugänglichen Foyer aus (heute gibt’s die Zeitungen vom Tage, und nur die, an einer Art Theke im Lesesaal). Ich wollte die Wohnungsanzeigen lesen, denn ich brauchte eine Wohnung für zwei in Berlin. Also fuhr ich an den Potsdamer Platz, damals Großbaustelle, an einem heißen Tag des Sommers 1997.

Zeitraffer: Wohnung gefunden, Umzug, Studium, Trennung, neue Wohnung, weiter Studium, neue Freundin, schließlich Abschlußarbeit. Während dessen waren Sony-Center und DaimlerChrysler City aus dem Boden gewachsen. Und nun war ich wieder öfter in der StaBi, zur Recherche und auch um die Arbeit auf meinem Steinzeit-Laptop hier in Ruhe zu schreiben. Damals war ich oft nicht allein dort, M. verbrachte hier ebenfalls lange Tage, als sie für ihre letzten Prüfungen lernte. Das war wieder ein heißer Sommer, der Sommer 2003. Ich erinnere mich an ausgiebige gemeinsame Mittagspausen im Tilla-Durieux-Park, das ist die langgezogene Grünanlage mit den seltsam geschwungen Rampen aus Gras am Potsdamer Platz.

Ich sagte zu M.: „Die StaBi ist wie ein Aquarium. Stunden, Tage verbringt man dort in Stille. Das Licht ist schummrig. Alle anderen schwimmen wie stumme Fische an einem vorbei. Fehlt nur, dass sie den Mund bewegten als hätten sie Kiemen. Und Luftblasen, die von ihren Gesichtern nach oben steigen.“

Und man bekam Fischaugen, Stielaugen in der StaBi. Damals schon galt sie als wichtigste akademische Partnerbörse, man sprach sogar vom „Heiratsmarkt.“ Schöne Mädchen konnte ich dort jedenfalls immer gucken. War toll, aber lenkte auch ziemlich vom Arbeiten ab. Und ein bisschen auch von M.

Jetzt, drei Jahre später, plötzlich wieder in der StaBi. Nicht mehr mit M. zusammen. Nicht mehr Student. Auch nicht mehr Doktorand. Zwischen all dem jungen Gemüse hier. Fühle und gebe mich zwar noch immer jugendlich – und gehe zur Not auch noch als junger Mann durch – , denke aber: Bist Du nicht langsam zu alt für diese studentische Sehen-und-gesehen-werden-Szene?

Zum Glück ist es ziemlich leer. Muss der August sein; alle Studenten sind im Urlaub oder jobben, Hausarbeiten werden dann erst im September begonnen und zu Semesterbeginn abgegeben. Nach wie vor: hübsche Mädchen hier, oder besser: junge Frauen. M. ist nicht zu sehen. Sie soll wieder in der Stadt sein. Schreibt aber sicher zu Hause an ihrer Dissertation. Vielleicht ist sie aber auch bei ihrer Schwester in England. Freue mich, dass ich’s so früh hierher geschafft habe. Erst einmal einen Platz suchen.

An der Galerie in der Mitte des Lesesaals ist quasi mein alter Stammplatz. Fast alles frei hier. Ich suche mir einen Platz mit einem gutaussehenden Mädchen gegenüber. Dunkle Haare. Sie beugt sich konzentriert über ihren Laptop. Ich knipse die Tischlampe an, öffne meinen Block und beginne zu schreiben. Als ich aufschaue, sehe ich aus den Augenwinkeln Luftblasen zur Decke steigen.

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§ 2 Antworten auf Das Aquarium

  • zygyzyg sagt:

    So habe ich übrigens die Stabi nie gesehen. Sie war für mich meist ein Greuel. Ich kenne zwar auch jemanden, der die Menschen dort erotisch findet, aber der ist schwul und hat einen ziemlich schrägen Geschmack – für meinen Geschmack. Vielleicht lag meine Abneigung auch gerade an der „Sehen-und-gesehen-werden-Szene“. Dieselbe Exponiertheit schreckte mich einst wie auch in Opernhäusern und Theatern zurück: Wir sind etwas, weil wir hier sind, weil man/frau sieht, dass wir uns für etwas interessieren, was unter dem publizistischen Begriff „Kultur“ firmiert. Was die Stabi betrifft, unterstellte ich den meisten dort analoge Beweggründe. Heute erscheint mir das ein bisschen übertrieben. Jedenfalls mochte ich das Gebäude und die Menschen in ihm nie sonderlich. Es war ein Ort, an dem man so gut wie alles finden konnte, was man gerade für sein Studium brauchte. Und wirklich nur für sein Studium – mehr nicht. Vielleicht würde ich heute anders fühlen, wenn ich die Stabi mal wieder beträte. Wenn du aber ein Faible fürs Labyrinthische hast, kann ich deine Begeisterung für den Komplex ganz gut verstehen. Übrigens, die Bibliothek als Aquarium – das ist schon ein schöner Gedanke.

  • minotaurus sagt:

    Danke zyg, das Bild des Aquariums hat den Text in meinen Augen gerettet und sollte ihm etwas Struktur geben. Die Stabi ist für mich eben aufgeladen, wegen meiner Ankunft in Berlin. Außerdem liebe ich natürlich Bücher und die Architektur dort (die zugegebenermaßen nicht immer praktisch ist), aber es gibt eben auch diese andere, erotische Komponente. So richtig gut arbeiten kann man dort meist eigentlich nicht. Zuviel Ablenkung eben; sie ist halt da, und dann guckt man gelegentlich auch mal.

    In Wenders‘ „Der Himmel über Berlin“ spielt die Stabi übrigens auch eine Rolle. Sie ist für mich ein öffentlicher Berlin-Ort, der einiges mit meinem Leben zu tun hat, aber noch nicht so abgenudelt ist wie alle anderen bekannten Berlin-Orte. Und, ich sag Dir, gerade in meinem Job nudeln sich die Orte ziemlich ab, wenn Du weißt was ich meine.

    Sie ist schon ein Szeneort, aber manchmal hab ich da – ehrlich gestanden – sogar Bock drauf. Ich gehe ja auch in Kneipen. Aber dann kommt auch die latente Unsicherheit auf. Es war halt mal wieder eine Art déja vu-Erlebnis.

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