Berlin-Gedanken, Juni/August 2006

August 29, 2006 § 2 Kommentare

„Ich stelle mir vor, es kehre Heinrich Heine hier nach Berlin zurück, o Deutschland, es wehet ein fataler Zugwind zwischen dem Hallischen und Oranienburger Tor (Heine, Briefe aus Berlin).“ (Peter Weiss, Notizbücher 1971-1980)

* * *

Ein Gedankenblitz des kapitalistischen Menschen, beim Rolltreppe fahren im neuen Hauptbahnhof; gläserner, flachgelegter Turm zu Babel: Ich als freiberuflicher Stadtführer, als unternehmerische Einheit darf kein Geld ausgeben wenn ich meine unternehmerischen Bedürfnisse befriedige – als Unternehmen „Ich“, als Kohlenstoff-Bandmaschine (Endlosschleife.) Also Austreten und Wasser fassen bei McDoof. In der Toilette der übliche osteuropäische Mensch, Mann oder Frau, wer nimmt diese Klo-Menschen denn wahr? Wahrheit nur das, was gut aussieht, Brüste hat unterm knappen Top und gut riecht. Zähle dennoch, trotz ästhetischer und kapitalistischer Unternehmerbedenken, vierzig Cent in eine Schale. Trinkgeld. Pissgeld. Dürfen die armen Teufel, die das Klo sauber machen, eh nicht behalten, nur einstreichen. Andernorts wird das kleine Geld in riesigen Maschinen gezählt. Auch Kleinvieh macht Mist und: pecunia non olet. Geld stinkt nicht. Auch mit menschlichen Grundbedürfnissen wird Geld gemacht, an Pisse und Scheiße wird verdient. Was verdiene ich? Wo, und gegen wieviel Kleingeld gehe ich austreten? Soll ich wirklich dafür zahlen? So werden wir alle – subtil – vom kapitalistischen System gehirngewaschen. Jeder seines Glückes Schmied.

(Frisch geschmiedete Schwerter wurden früher noch rotglühend in Fäkalien getaucht. Machte sie härter.)

Cut.

Finanzministerium. Haus der Ministerien. „Detlev-Rohwedder-Haus,“ benannt nach dem von der RAF ermordeten Ex-Hoesch-Manager und Treuhandchef. Der amerikanische guide, der Kollege Brian, erzählt laut und atemlos vom Aufstand in Ostberlin am 17. Juni 1953. Arbeiter, mit dem Rücken zur Wand, demonstrierten, kämpften – gegen Unterdrückung im Namen des Sozialismus, der sie doch befreien sollte. „Du bist ein Arbeiterverräter!“ schrien sie dem Minister Willi Stoph entgegen, als der es wagte zu sagen „Ich bin doch auch ein Arbeiter.“

Und heute? Heute gibt es keine Arbeiter mehr. Oder so gut wie keine. Nur noch Unternehmer, wir alle gemeinsam, gegen jeden. Konkurrenz belebt das Geschäft. Mir erscheint sie mörderisch. Kein Hauen und Stechen, aber das Gift des eigenen Vorteils. Ich zum Beispiel verpisse mich unauffällig, ohne zu bezahlen, von Brians englischer „Free Tour“. There is no such thing as a free lunch. Verblendet, wir alle, insbesondere auch die, die es besser wissen müssten, könnten. Das akedemische Proletariat, jetzt tatsächlich zunehmend kinderreicher.

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Lese im Berlin-Lesebuch des Knaur Verlags (dämlicher Titel: Einmal Ku’damm und zurück) und begreife. Begreife, dass ich Berliner geworden bin mir Haut und Haaren. Und dass ich die Stadt teile mit nachdenklichen, klugen, manchmal altklugen und aufgeblasenen aber aufmerksamen Menschen – ein imaginäres Berlin der Dichter und Schreiber, ein historisches Berlin, das untergegangen ist, aber dessen Vergangenheit nie vorbei ist. Dass es in dieser Stadt immer Leute gab und gibt, denen ihre Mitmenschen nicht egal sind. Die, so gut sie können, gegen die herrschenden Verhältnisse anschreiben und auch (in ihren Möglichkeiten) gegen sie angehen.

Und die auch ihr Zögern, ihre Angst und Unsicherheit protokollieren, zum Beispiel Christa Wolf im Auszug aus ihrer Autobiographie Was bleibt: Lesung im Kulturhaus, in den Achtzigern. Im voll besetzten Saal sechs MfS-Leute, vor verschlossener Tür: DDR-Jugend mit Heimweh nach der Zukunft. Hinterher Diskussion der Autorin mit der „Kollegin K“, die die Lesung organisiert hatte. Es stellt sich heraus, dass man die jungen Leute, die die Lesung hören wollten, mit Polizeigewalt „entfernt“ und bedroht hatte. Die Kollegin K. stellt dann aber zur Erleichterung der Anwesenden fest, dass die Lesung „normal“ verlief, in einer „aufgeschlossenen Atmosphäre und zur Zufriedenheit des Publikums.“

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Peter Weiss zitiert Lukács: „Der schlechteste Sozialismus ist besser als der beste Kapitalismus“ (Notizbücher 1971-1980). Da bin ich mir dann doch nicht so sicher.

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Ist es ein Zufall, dass in meinem E-Mail Postkasten ein Aufruf zur Demonstration gegen den Besuch des US-Präsidenten Bush im Juli steckt?

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§ 2 Antworten auf Berlin-Gedanken, Juni/August 2006

  • zygyzyg sagt:

    Hallo Minotaurus, also ich habe dir den Aufruf zur Demonstration gegen den Bush-Besuch nicht zugeschickt. Aber dein Beitrag hat mich deprimiert. Keine Ahnung, was genau. Ich vermute aber, dass es die Kohlenstoff-Brandmaschine, das Pissgeld und das akademische Proletariat waren. Letztes vor allem deswegen, weil es es besser wissen müsste, sollte und weil es zunehmend kinderreicher wird. Es klingt und scheppert in deinem Beitrag nur so von Aussichtsslosigkeit, Verbitterung, Sarkasmus. Vielleicht ist es das auch tatsächlich. Hat mich betroffen gemacht. Der Text ist echt gut.

  • minotaurus sagt:

    Ja, war ein Bedürfnis, es scheppern zu lassen, als ich diesen Teil des Textes Im Juni schrieb. Ich wünschte, ich wüßte was besseres, als verbitterte Texte zu schreiben. Letztlich geht es wohl um meine Frustration darüber, dass ich (und ich wage zu sagen: wir fast alle) keine Utopien haben. Jedenfalls nicht jenseits des Kapitalismus, der in Deutschland – nach langer Zeit, in der er er als „rheinischer“ Kapitalismus zahm erschien – wieder seine Raubtiernatur zeigt. Bzw. uns – anscheinend allmächtig – nach diesem seinen Bilde erschafft. Das mit dem Kinderreichtum ist ein wahrscheinlich unnötiger Sarkasmus, dem ich aber nicht widerstehen konnte… Ich weiss ja nicht mal, wovon ich rede. Habe ja selbst keine Kinder, bewundere aber die Leute (auch des akademischen Proletariats, jetzt wohl auch modisch „Prekariat“ genannt), die, trotz unsicherer Auftragslage Kinder in die Welt setzen. Und die dann auch durchbringen. Aber danke für das Kompliment.

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