Herbstnachmittag am Dreiländereck

September 26, 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

Mein Lieblingsplatz zum Schreiben und für die Tagedieberei ist an der Lohmühlenbrücke, am Dreiländereck, wo Treptow, Neukölln und Kreuzberg zusammenstoßen. Hier am Landwehrkanal, im ehemaligen Grenzstreifen, gibt es sommers einen der schönsten Sonnenuntergänge der Stadt (und ich stelle mich auch auf die Modersohnbrücke und sage das!). Und vor allem: hier hat man seine Ruhe. Meistens jedenfalls. Vier Bänke stehen sich hier paarweise gegenüber, ideal für Möchtegern-Literaten, Tagediebe und alle Existenzen dazwischen. Hier habe ich im Frühsommer so manchen späten Morgen schreibend verbracht. Heute aber ist der Platz an der Sonne von dem grotesk dicken, vielleicht kranken älteren Herrn besetzt, den man hier oft sieht. Meist mit Fahrrad, manchmal auch mit einem Elektrorollstuhl, mit dem man auch über den Golfplatz fahren könnte. Immer sitzt er ohne T-Shirt in der Sonne. Heute sogar nur in Unterhose. Die Sonne hat seine Haut schon in einem satten Terrakotta getönt. Zum Glück hat er heute wenigstens nicht seinen Ghettoblaster mit den Schlagertapes dabei. Der gute Platz ist also weg, ich setze mich an die Ufermauer, direkt an das Wasser des Landwehrkanals.

* * *

Relief eines Geschriebenen: Mein Collegeblock zeigt in der tief stehenden Septembersonne den Eindruck der Seite, die ich heute morgen beim Frühstück geschrieben habe. Spuren von Wörtern, verschlungene Rillen, grooves. Da ich den Text gerade wieder gelesen habe, kann ich auf der weißen Seite, aus den Spuren der geschwungenen Eindrücke das Geschriebene wiedererkennen, zumindest einzelne Wörter. Lesen als Wiedererkennen, Lesen als Spurensuche: Eindrücke wiedergewinnen.

* * *

Eine andere Fläche mit Höhen und Tiefen ist dunkel und liegt, sich ständig verändernd, vor mir: das dunkelgrüne Wasser des Landwehrkanals. Wenn ich die Sonnenbrille aufsetze, erscheint die Wasseroberfläche fast schwarz. Darauf liegen Lichtreflexe, Spuren der großen Bewegungen, durch Ausflugsdampfer, oder auch der kleineren, wie der Ruderfüße der Schwäne. Die Sonne hat eine gleißende Spur Richtung Westen gezogen, wo sie über dem Sportplatz in geduldiger Ruhe darauf wartet, dass der Planet sich weiter dreht, Richtung Abend.

* * *

Do you realize – that you have the most beautiful face
Do you realize – we’re floating in space
Do you realize – that happiness makes you cry
Do you realize – that everyone you know someday will die
And instead of saying all of your goodbyes
Let them know you realize that time goes fast
It’s hard to make the good things last
You realize the sun don’t go down
It’s just an illusion caused by the sun going ‚round

(The Flaming Lips, Do You Realize?)

* * *

Die Sonne. Den dunklen Teil unserer Welt hat sie nie gesehen. Vom Wasser des Landwehrkanals mal abgesehen. Hat die es gut.

* * *

Jetzt kopulieren genau am rechten Rand meiner Seite, am rechten Rand dieser Zeile quasi, fast auf der Perforationslinie, zwei winzige Fliegen. Sie sind am Hinterleib verbunden und wirken wie ein einziger Insektenkörper. Zwölf Beine. Vielleicht ist es auch eine Mutation, ein Doppelwesen, eine Mutation – siamesische Zwillinge? Hm. Sowas in der Art, dachte ich, müßte das sein. Dann habe ich aber (we ever-inquisitive mortals!) mit der Stiftspitze nachgefühlt, und plötzlich löste sich das Doppelwesen in seine beiden Bestandteile auf und die flogen in zwei entgegengesetzte Richtungen davon.

* * *

Zwei Fliegen beim Sex gestört: Das werde ich antworten, wenn man mich fragt, was ich an diesem sonnigen Herbstnachmittag gemacht habe.

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