Szene am Sommerabend

November 7, 2006 § 2 Kommentare

Ein warmer Spätsommerabend, nach der Arbeit. Im „Sofia“, Wrangelstraße. Nett hier, und nach den ersten Schlucken Weißwein ist das Leben nicht mehr ganz so trist. Es läuft schöne ausländische, größtenteils französische Popmusik, dem Klang nach entweder aus den Sechzigern oder ultrahippe Neo-Sechziger. Glaube, die belgischen Vaya Con Dios zu erkennen. Das „Sofia“ ist ein ziemlich szeniger, linker und verranzter Schuppen im mittlerweile sehr angesagten Wrangelkiez. War entweder früher mal ein Döner- oder Gözleme-Laden, für das geschulte Auge anhand eines Reliefs an der Wand, eine türkische Hirten- und Bauernszene, leicht auszumachen. Die Gipshöhle in der anderen Ecke alleine hätte auf eine italienische Billig-Pizzeria hingedeutet.

Berlin halt. Trash. Daher auch die Beliebtheit des Wrangelkiezes. Hier kokettiert die Künstler- und Studentenszene mit der Unterschicht, der sie einkommensmäßig ja auch angehört. Um sich, fast Tür an Tür mit ihr lebend, doch um so intensiver anzugrenzen. Es ist eben doch ein Unterschied, ob du arbeitslos bist obwohl du einen Hochschluabschluss hast, oder ein arbeitsloser türkischer Jugendlicher bist.

Meine alte Freundin S. wohnt gleich schräg gegenüber, in der Sorauer Straße. Hatte auch schon immer eine leicht trashige Ader. Die Sorauer ist eine dunkle Schneise, unten zugeparkt, oben das Laub der Straßenbäume, die sich mächtig recken müssen, um zwischen den fünf Stöcken der Gründerzeithäuser ans Licht zu kommen. Wenn ich mich ein bisschen streckte und reckte, könnte ich auch in die Sorauer Straße ziehen, die ich ganz gerne mag. Aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt bin ich hier, um zu entspannen, zu beobachten und auch um zu schreiben. Beobachten und schreiben. Dazu billiger und etwas zu warmer Weißwein aus einem vollen Wasserglas.

Draußen vor dem Fenster, auf der anderen Seite der Scheibe sitzt eine junge Frau mit Pagenkopf. Ich sehe sie im Halbprofil. Sie hat ein ebenmäßiges, intelligentes und ausdrucksvolles Gesicht und unterhält sich lebhaft – streitet sie sich? Sie gestikuliert beim Reden: bewegt die Unterarme und Hände, spreizt die Finger von sich und schaut zu ihrem Gesprächspartner neben ihr. Ein junger Mann in heller Lederjacke. Ich sehe nur seinen blonden Wuschelkopf. Jetzt lächelt sie für eine Sekunde. Ich mag ihre länglich geschnittenen Augen, erinnern mich an M.

Die junge Frau knibbelt an ihren Fingern herum. Es sind kräftige, zugleich schmale und gepflegte Hände. Fast schon knochige Finger. Sie dreht sich ewig eine Zigarette. American Spirit. Alle in Kreuzberg rauchen die jetzt, ich auch. Sie braucht sogar länger für das Drehen als ich. Ist ins Gesprächt vertieft. Jetzt hat sie angezündet und raucht, lehnt dabei den Kopf schräg nach hinten, an die Scheibe, und sieht dabei so hinreißend schön aus, dass es weh tut. Sie ist noch jung, höchstens fünfundzwanzig.

Jetzt gestikuliert sie wieder. Ich frage mich, worum es wohl in dem Gespräch geht, was nach so leidenschaftlichem Ausdruck verlangt. Wenn sie redet, gestikuliert und ihr Gegenüber dann ansieht, weiter redend, aber wie auf Bestätigung, auf Reaktion wartend, dann flattern ihre Augenlider, auf – zu, auf – zu. Ein Schmetterling, der auf einer Blüte balanciert, nach Nektar fühlt, dabei die Flügel bedächtig auf und zu klappt. Hinreißend. Jetzt redet er. Sie hört aufmerksam zu, deutet ein Lächeln an, bewegt leicht den Mund, als schmeckte sie seine Gedanken mit der Zunge beim Hören. Raucht weiter. Es dämmert. Die Lichter im „Sofia“ gehen an.

Ich schaue mich weiter um. Am Nebentisch unterhalten sich zwei wahrscheinlich schwule Männer in einem eigenartigen, vielleicht schweizer oder südtiroler Dialekt und schauen sich Bilder auf einem i-pod an. Mein Weißwein hat allmählich Zimmertemperatur angenommen. Nach einer weiteren halben Stunde ist er ausgetrunken, die beiden draußen sind weg, ich schlage meinen Schreibblock zu und gehe.

Ich überlege. Vielleicht kostete die junge Frau doch ihre eigenen Gedanken; vielleicht drängten die sich auch auf ihrer Zunge, wollten raus, so wie sie beim Reden sogar in ihre Arme und Hände strömten. Der Geschmack, der drängende Fluss von Gedanken, Empfindungen, Worten. Im Flug, im reißenden Strom eines Gesprächs: Ist es ein Wunder dass wir – ob mit Hochschulabschluss oder ohne – Lippen, Arme, Flügel bewegen?

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