Triptychon (Selbstporträt)

Januar 11, 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Es dunkelt. Ein Januarnachmittag in Berlin. Da draußen, etwa dreieinhalb Kilometer von hier, in einem Wohnhaus in Kreuzberg, sitzt eine junge Frau am Schreibtisch. Ich sehe sie im Geiste vor mir, ihr helles Gesicht angestrahlt vom Schein der Schreibtischlampe. Der bläuliche Schein ihres Notebook-Displays spiegelt sich in ihren Brillengläsern. Sie hat die dunklen Haare zum Pferdeschwanz gebunden und schaut konzentriert auf den Bildschirm. Ihre Fingerspitzen tippen Sätze; das leise, spitze Klackern der Tasten ist unregelmäßig zu hören. Eine sehr schnelle Folge kurzer Morsezeichen: Punkt – Punkt – Punkt – Punkt – Punkt – Punkt. Pause. Dann weiter. Q-W-E-R-T-Z. Parkett eines rasanten Tanzes. In ihrem Kopf formt sie Sätze, zwischen Neuronen rasen Botenstoffe hin und her, Muskeln spannen und entspannen sich: ihre kühlen, schlanken Finger schreiben einen Text. Elektronen rasen, LCD-Einheiten leuchten: Schrift erscheint. Die junge Frau trägt einen ausgewaschenen hellgrauen Pullover, unter dem Tisch stecken ihre Füße in dicken Kunstfell-Hausschuhen. Am Schreibtisch friert sie leicht. Ab und zu nimmt sie einen Schluck Tee aus einer Tasse, die neben ihr, neben Aufzeichungen und Büchern, auf dem Schreibtisch steht.

Vor ihrem Fenster, um die Ecke, braust der Feierabendverkehr. Alle paar Minuten rattert die Hochbahn vorbei: Gleichzeitiges Grummeln, Rattern und ein hohes Sirren der eisernen Räder in der Kurve – Crescendo, dann Abflauen. Kahle Birken werden von jähen Böen geschüttelt. In ihrem Zimmer ist dies alles nur gedämpft zu vernehmen; im Schein der Schreibtischlampe ist ihre Konzentration spürbar.

In einem abgedunkelten Zimmer in einer australischen Kleinstadt sitzt ein schmächtiger alter Mann vor seinem Computer. Auch hier ist die Konzentration als Spannung, als Ladung im Raum zu erfühlen, allein die Haltung des Schreibenden verrät sie. Auch hier spiegeln sich Worte in Brillengläsern; die schmalen Lippen unter dem kurzen grauen Bart bewegen sich nicht, bleiben gerade, ganz leicht aufeinander gedrückt. Ruhig, fast andächtig und ohne viel mehr zu bewegen als die Finger schreibt der Autor: Worte, Sätze, einen Text. Eine Geschichte, eine Episode, von der er noch nicht weiss, ob sie Teil eines größeren Ganzen sein wird. Langsam und bedächtig setzen Hirn und Finger des Schriftstellers die Reise ins unbekannte Herz hinein fort.

Gedanken werden Schrift: Äußerung. Das ist Schreiben: Abgleich von Idee und Abbild, Korrektur. Ein ständiger Austausch des Geistes mit sich selbst, konzentrierte Arbeit, die wie ein kontinuierlich fließender Strom wirkt und doch kein Gleiten, sondern ein Stakkato, ein Hinken, eine Fortbewegung auf Krücken sein kann. Ein Fahrradfahrer verliert ein Bein. Mühsam, Schritt für Schritt, Wort für Wort, Gedanke für Gedanke wird das Unbekannte begangen, das Neue nimmt Gestalt an. Denn ist es nicht der Zweifel, der die Krücke darstellt – eine Gehhilfe? Wenn der Geist versehrt ist, wird die Durchquerung des scheinbar Bekannten zum Abenteuer.

Daheim, an seinem Küchentisch im kühlen und dunklen Berlin denkt E. an den Titel eines Buches: You Are Now Entering The Human Heart. Er setzt den Stift ab, stützt sein Kinn auf die rechte Hand und sein Blick gleitet über diese Worte, seine Hand nimmt den Stift, streicht durch, ergänzt, korrigiert. Aus einem Gefühl werden Bilder, aus der Choreographie von Fingern und Stift entsteht ein Geflecht aus blauen Linien, ein Band, das ihn mit Blitzen, winzigen Entladungen und dem dumpfen Pulsieren der Zellen verbindet.

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