Space Oddity

April 18, 2007 § 2 Kommentare

Und dann dieses Gefühl des Schwebens, als die Raumfähre den Bereich der Anziehungskraft verlässt, zunächst dieses Ziehen im Magen, das Gefühl, zu fallen – wie früher, auf dem Rummel in der Achterbahn, nur hundertmal stärker, und es gibt keinen Moment danach, in dem die Schwerkraft deinen Körper wieder erfasst, wieder in den Sitz presst: einen Körper unter Milliarden im Schwerefeld des Planeten.

Nein, diesmal bist du draußen. Ganz weit draußen. Far out. Und während dein Körper noch daruf wartet, wieder in irgendeine Richtung gezogen oder gepresst zu werden, wundert sich dein Geist schon: Ich schwebe im Raum! Kein Teil deines Körpers berührt das, was vor Momenten, vor nicht allzu langer Zeit der Boden war – doch was bedeutet schon Zeit, wenn du mit einer Geschwindigkeit von einigen tausend Metern pro Sekunde beschleunigt wirst, katapultiert wirst in eine Umgebung, für die du nicht gedacht bist und die Menschen normalerweise nur denken, nicht erleben. Schwärze. Raum. Vakuum. Sengende Hitze im Schein eines nahen Sterns. Absolute Kälte, wo kein Sternenlicht hinfällt. Hier und jetzt, im Schutze dieser Metallkapsel weißt du auf einmal wirklich, denn auch dein Körper hat es jetzt begriffen: Du schwebst. Ich schwebe. Ich bin hier, bin endlich da, im Raum. Nein, noch nicht: das Erlebnis des Raums steht noch bevor, noch erlebst du lediglich die Abwesenheit von Schwerkraft. Noch ist der Raum immer noch eine theoretische Möglichkeit, das, was hinter den dünnen Metallwänden und den Keramikfliesen lauert, auf dich wartet, auf den Moment, in dem du durch die Schleuse gleiten wirst – das heißt, falls du bis dahin diese ungeschickten Bewegungen unter Kontrolle gebracht haben solltest, denn trotz allen Trainings stößt ein Teil deines Körpers immer wieder ungeschickt gegen Wände, Instrumente, Türen. Ins Nichts gleiten. Bloß eine dünne Haut aus einem speziellen Stoff umgibt deinen Körper dann, und ein paar Kubikzentimeter aufgeheizter Sauerstoff. Eine dünne Membran aus Kunstoff, dahinter dann – Nichts. Ein fast perfektes Vakuum, bis auf ein paar Moleküle. Minus zweihundertundsiebzig Grad Celsius. Wie ein Embryo mit seiner Plazenta bist du, gekrümmt im Raum, über einen dünnen Schlauch mit dem Raumschiff verbunden. Nabelschnur, die dein körperliches Leben erhält. Raumspaziergang nennen sie es. Dabei ist es alles andere, nur kein Spaziergang, denkst du, während du versuchst, in deinen ersten Momenten der Schwerelosigkeit (doch was ist Zeit hier, an diesem Nicht-Ort) ein Gefühl zu bekommen, dich schwebend auszurichten im relativen Raum des Schiffs: Vom Schott wegschweben, hinein in das Labor, da, vorne, voraus, ist das Cockpit. Dein Körper hat einen Rechtsdrall, eben zieht die Schlafkoje an deinem Gesichtsfeld vorüber, doch du drehst dich weiter. Das Bullauge. Deine plötzliche, überraschte Bewegung, dein körperliches Zucken neutralisiert das träge Kreiseln, bringt dich augenblicklich zur Ruhe, sodass du vor dem Bullauge schwebst und zum ersten Mal hinausblickst in das, was trotz aller Vorbereitung bis jetzt nur denkbar war: Der Raum. Eine Schwärze die – obwohl selbst Nichts – durchlöchert zu sein scheint von abertausend Öffnungen. Wie Nadelstiche, unterschiedlich groß, durch die ein unregelmäßig strahlendes, gleißendes Dahinter aufscheint. Ein Etwas hinter dem Nichts. Was für ein absurder Gedanke, denkst du, oder etwas in der Art, denn richtiges Denken ist gar nicht mehr möglich in deiner Desorientierung, dieser Abwesenheit von Zeit, von Oben und Unten, diesem totalen, absoluten Raum, dieser Richtungslosigkeit, in der alle Richtungen zugleich möglich sind, bis in die Unendlichkeit hinein. Ein Paradox. Dieser Körper ist das einzige “Hier” von dem aus sinnvolle Aussagen über Richtungen möglich sind – vielleicht. Dieser selbst scheinbar richtungslose Körper ist – noch ein Paradox – eingeschlossen in eine Röhre aus Metall, die mit zehntausend Stundenkilometern um den Planeten durch die Unendlichkeit rast. Etwas Absurderes gibt es nicht, denkst du, insofern man es denken nennen kann, insofern man es Du nennen kann, denn alle Zellen dieses Körpers scheinen die Schwerkraft zu vermissen und es fühlt sich so an, als seien sie drauf und dran den Zusammenhalt aufzukündigen, auseinanderzustreben in alle diese Richtungen gleichzeitig, als wollte sich das Sein unterschiedslos ausdehnen in diesen Raum hinein. In diesen Raum hinein. Sodass du nicht nur nicht weißt, wo du bist im Raum, denn alles befindet sich in allen Richtungen gleichzeitig um dich herum, sondern – schlimmer – dadurch auch nicht weißt, was du bist: Wenn du nicht mehr Körper sein solltest, was dann? Bloß noch beeinträchtigtes Denken? Wie dein Körper, der sich um so mehr dreht, je stärker er versucht, sein Schweben unter Kontrolle zu bekommen, schießt auch dein Denken nun, hier und jetzt, wo immer das sein mag, rasend schnell geworden, über alle Ziele hinaus. Kreist höchstens noch um sich selbst, wie das Schiff um den Planeten. Zum Licht jenseits des Raumes. Aber genau das, das Denken selbst ist eben noch da, und wird wiederum von etwas beobachtet, vom Bewußtsein nämlich und dieses beobachtet sich damit selbst, und kann so nun postulieren, dass da eben etwas oder einer sein muss, der denkt und somit bist du. Bin ich. Cogito ergo sum. Wenigstens das. Das alte Glaubensbekenntnis. Und dieses Denken zwingt nun die Zellen zusammen und so ist auch der Körper wieder da, du schaust an deinen Gliedern entlang: Körper. Und so entstehst du im Nichts, wenn auch nicht aus dem Nichts, ein scheinbar fester Punkt im Raum – in Wirklichkeit schwebend, im Wirklichkeit rasend – ein scheinbar richtungsloser Körper, ein Ich. Das nun schon wieder über den sogenannten Spaziergang nachdenkt, morgen, aber was bedeutet das hier, die Sonne geht mehrmals am Tag auf und unter. In etwa fünfzehn Stunden also. Embryonal. Nabelschnur. Inmitten von Nichts und Sternen.

Lärm. Ohrenbetäubendes statisches Rauschen. Verzerrte Worte im Kopfhörer. “Major, nach unserer Triangulation sind Sie nun auf einer Höhe von zweihunderteinundzwanzigtausend Fuß und haben damit den stabilen Orbit erreicht. Bitten gleichen Sie mit Ihren Instrumenten ab und bestätigen. Over.” Nur Sekunden, vielleicht eine Minute sind vergangen seitdem die Leitstelle das letzte Mal eine Bestätigung angefordert hat. Das war, als er die Gurte des Sitzes im Cockpit geöffnet hatte und gerade dabei war, den Schlauch, der zu seiner Harnblase führt und der unter seinem Overall verrutscht war, vorsichtig zurechtzurücken. Der Astronaut, der jetzt auf den Knopf am Anzug drückt und so die Verbindung mit dem Kontrollzentrum herstellt, wo immer das auch jetzt, in diesem Augenblick, sein mochte, dieser Astronaut ist ein anderer. Durch die Schleuse. In die Schwärze. Und dann das Licht.

Vor dem riesigen Schirm an der Sirnseite des Saales, zwischen den Tischen mit den Bildschirmen stehen Menschen, fast alle sind Männer, in Trauben zusammen. Noch immer werden auf der Anzeigetafel die letzten Bewegungen der Raumfähre angezeigt, als eine von zahlreichen Banderolen, die ein kleiner Punkt über die flache Weltkarte gezogen hat. Eine vereinfachte Darstellung. Die einzelne Linie sticht aus dem regelmäßigen Geflecht der Sinuswellen hervor und verschwindet am Rande der Karte. Die versammelten Techniker und Physiker tragen Jeans und T-Shirts mit dem Logo der Raumfahrtagentur, auch ein paar Air-Force-Offiziere in Uniformen stehen dabei. Ihre Gesichter sind übernächtigt, bestürzt und ratlos. Fassungslos reden sie aufeinander ein. “Hawaii hat noch einen Funkspruch aufgefangen. Die Spezialisten versuchen noch, aus dem Rauschen ein paar verständliche Laute herauszuholen. Ziemlich sinnlos, wenn ihr mich fragt.” – “Ja, überhaupt waren die letzten Funksprüche ziemlicher Quark.” – “Verdammt, Dave, seine Frau ist am Telefon, ich kann die nicht mehr läger hinhalten, was sag ich der denn jetzt?” – “Vielleicht war auch ein Sauerstoffabfall in der Kapsel der Grund. Sowas wie Höhenkrankheit. Aber dafür gibt’s doch das Notfalltraining. Tausendmal geübt.” – “Und keines der Instrumente hat einen Druckabfall registriert. Er hat per Hand den Kurs geändert und die Triebwerke gezündet.” – “Frage mich, was um Himmels willen ihn dazu getrieben hat. Er war einer der besten und intelligentesten Piloten, die wir hatten.” – “Ja, ich kannte ihn noch von der Air Force. Ein guter und verantwortungsvoller Offizier, und ein guter Freund.” – “Mir hat er vor Jahren mal erzählt, wie er als Kind beschlossen hatte, Astronaut zu werden. Ein Lehrer hatte ihm erklärt, Schwerelosigkeit, das sei das Gefühl wie beim Achterbahnfahren, ihr wisst schon, dieses Gefühl in der Magengegend. Als würde man fallen. Nur, dass man nicht fällt, sondern schwebt. ‚Dieses Gefühl, das wollte ich unbedingt erleben,‘ sagte er und lachte dabei.” – “Ja, ja. . . Ist schon gut, Steve, ich spreche jetzt mit seiner Frau. Ruhe bitte, meine Herren!”

Endlich draußen. Ganz weit draußen. Abermillionen gleißende Punkte. Licht.

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