Wenn man genau hinsieht

Oktober 30, 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Im Café am Ufer des Flusses. Um die Ecke das Weserstadion, wo das Spiel Werder gegen Schalke wohl auch schon eine Viertelstunde alt ist. Leider dreht man jetzt auch den Ton des Fernsehers auf, vielleicht hat man meine suchenden Blicke auf den Bildschirm missverstanden. Eine Dame verzieht sich dezent in einen der unteren Räume. Ich bin hier wohl im oberen, im „rauchfreien“ Café. Was mir nicht unangenehm ist. „Fußballfreies Café“ wäre aber auch OK. Ich sitze, trinke Latte macchiato und polke mir Amarettini-Reste zwischen den Zähnen hervor. Bin in einer etwas bräsigen Feiertagsstimmung, die eigentlich ein Idealzustand ist: Laufen, schauen, sitzen, essen, Kaffee trinken, nichts weiter zu tun, als eine fremde, aber nicht völlig unbekannte Stadt anzuschauen. In ein Schlendern hineinkommen. Oder: verfallen. Flanieren. Sich keine Gedanken machen, sondern sie auch einfach nur schlendern lassen, die Gedanken.

Gelegentlich schaue ich der attraktiven jungen Frau zwei Tische vor mir auf den Rücken, da, wo sich die Träger ihres BH abzeichnen: ich sehe nur ihren Hinterkopf, ihre Schultern, ihren Oberkörper in einem beigen Top. Ein Anblick der zwar einiges verspricht, aber nicht zuviel, der jedenfalls nicht aufreizend ist. Reizend, die Sinne reizend, ist ohnehin nicht viel hier, in Bremen, schon gar nicht an diesem Oktobersamstagnachmittag. Schon gar nicht, seitdem die Sonne wieder fort ist, sich verzogen hat, wie die Dame von eben. Es sei denn, man interessiert sich für Fußball. Sie hat ihren Kaffee vorsichtig in der einen Hand balanciert, die Glastür mit der anderen geöffnet, hat einen Fuß dazwischen gesteckt und ist dann durch diese spiegelnde Tür gegangen (wobei ich bemerkte, dass ihre ziemlich großen Füße in elegant geschwungenen roten Lederstiefeln steckten, die aus ihren langen Hosenbeinen heraus schauten) und ist nach unten verschwunden. Mag wohl keinen Fußball.

Die Sonne also auch, verschwunden, die Wolkendecke schlug wieder zusammen wie die Türflügel, ist eine milchige Nicht-Farbe da draußen, vor der das Grün und Rotbraun der noch belaubten Bäume am Weserufer zwar nicht so kräftig, aber, wenn man genau hinschaut, sehr eindringlich, wie ganz sorgfältig gemalt wirkt. Das war ein langer Satz, einen langen Atem braucht man für solche Sätze, was Quatsch ist, da man sie nur hinschreiben muss, so wie sie einem in den Sinn kommen. Aber aufmerksam bleiben muss man und manchmal im Milchigen, im Trüben seiner Gedanken fischen, um ein Gefühls- oder Wahrnehmungsdetail fein herauszuholen. Herauszuarbeiten. Welches dann, vielleicht, bei dem, der es liest, etwas eindringlicher wirkt, eben wie das verfärbte Blätterwerk da drüben, am anderen Weserufer. Wenn man genau hinsieht.

Braun- und Grüntöne übrigens, die sehr gut mit der Farbe des Flusses zusammenstimmen, da, wo er die Ufer scheinbar nur dunkel-trübe wiederzuspiegeln scheint. Die Bremer Mannschaft ist dabei, ins Hintertreffen zu geraten, Frings ist langmähnig wie eh und je, mehr bekomme ich vom Spiel nicht mit. Ich höre auf meinen Bauch, auf meinen Körper, der mir, im Verein mit meiner Zunge, meinem Geschmackszentrum, dem Schleckermaul signalisiert, dass „was Süßes“ jetzt nicht schlecht wäre. Doch ich halte Bauch und Zunge im Zaum, es gab schon Süßes, Amarettini, und es gibt vielleicht noch mehr, später, wenn ich Kay und Katrin treffe. Also überlasse ich es dem Geschmackszentrum jetzt, die aus dem Trüben steigenden Gedanken, die wie die Möwen draußen über das Milchige kreiselnden Worte abzuschmecken. Ja, eine innere Zunge ist das, die da redet, und die auch schmecken kann, und vielleicht braucht sie auch ein Medium, wie die Luft, um hörbar zu werden, Äther vielleicht, also doch: einen langen Atem haben muss man, auch für die innere Stimme, für wie Vögel im Winde kreiselnde Gedanken. Kringel auf weiß. Stimme, flüchtige Schrift.

Während ich noch so über das Dichten und das Schreiben nachsinne, fällt ein Tor, für Bremen, es jubelt. Vor mir: der Begleiter der jungen Frau. Neben mir: draußen, auf der Terasse, sitzen Leute (mit Radio, oder vielleicht verfolgen sie das Spiel im Café unten). Hinter mir: das Weserstadion tobt, was ich hier aber nur imaginär, das heißt: im TV hören kann. Schade, jetzt ist die Stimmung zerbrochen, der stille Herbstnachmittag weicht endgültig gedämpften Salsa-Klängen aus dem Raum nebenan, wo heute Abend wohl eine unsägliche „Ü 30-Party“ stattfinden soll. Auch ist wegen des Fußballs eine innere Bewegung durch den Raum gegangen. Ich hingegen starre über die Schulter und dem Schubverband hinterher, der eben vorbei ist, weseraufwärts. Er sollte neben seiner eigentlichen Fracht noch eine andere tragen, mir nämlich an diesem schon dämmrigen Nachmittag als Metapher fürs Schreiben dienen, indem er sich beharrlich über einen kaum dahinfließenden Strom arbeitet: eine spiegelnde, kaum merklich zitternde Fläche in mattsilber, grün und braun.

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