Wer war’s? (Folge 2)

November 19, 2007 § 2 Kommentare

Sein Satz „Wir Feuilletonisten überleben uns nicht“ traf leider nur zu gut auf ihn selbst zu. Denn schon bald nach seinem Tod geriet der Journalist, Gourmet und Feingeist mit den französischen Wurzeln in Vergessenheit. Heute gilt er noch oft als kulturkonservative, bzw. light- oder vielmehr „légère-Variante“ eines berühmteren, politisch viel weiter links stehenden Kollegen, von dem er übrigens bewundert wurde (und der seine Liebe zu Frankreich teilte). Dabei hatte der Gesuchte, vor allem noch in der Zeit der Monarchie, fein gedrechselte Anekdoten und Prosaminiaturen geschaffen und sich auch als, freilich umstrittener, Kunstkritiker einen Namen gemacht.


Privat führte er das Leben eines Dandys, als Journalist bescheinigt man ihm heute eine Zerrissenheit zwischen klassischer Berichterstattung (er porträtierte als Korrespondent u.a. berühmte französische Dichter und Politiker) und eleganter Essayistik. Aber gerade diese Zerrissenheit macht seine Feuilletons, als Sittenbilder einer untergehenden großbürgerlichen Gesellschaft so lesenswert. Eine andere Zerrissenheit, die Zerrissenheit des Europäers zwischen dem Land seiner Geburt und dem seiner Vorfahren schrieb sich tief in seine Lebensgeschichte ein: Während des Krieges zwischen beiden Ländern wurde er jahrelang interniert, was ihn körperlich und geistig zerrüttete. Über seine Position zwischen allen Stühlen schrieb er selbst ironisch: „Die Deutschen nennen mich einen Französling, und diese Franzosen hier haben erkannt, dass ich ein alldeutscher Hetzer bin… und das Schwierige, das Beschämende ist, dass sie alle beide Recht haben. Selig der Mann, der Krause heißt und aus Tilsit gebürtig ist. Er steht auf Felsengrund.“

Dabei war ihm alles zackig-militärische fremd. Sein eigener Vorname, der sich auf einen deutschen Sieg über Frankreich bezieht, bezeugt sogar den Patriotismus (oder die Selbstverleugnung) seines französischstämmigen Vaters. Dieser war ein Einwanderer der dritten Generation; sein Vater hatte als Küchenchef am Hofe eines deutschen Monarchen gedient. Das Ende seines Sohnes, des bürgerlichen Feingeistes, ist wahrlich tragisch – auch wenn die Umstände, die darüber berichtet werden, nur gut erfunden sein sollten (wie einige Anekdoten, die sich auf den Gesuchten beziehen). In Rom soll er von einem Bankett aufgestanden und tagelang unauffindbar gewesen sein. Schließlich fand man ihn, offensichtlich geistig umnachtet, auf dem Trajansforum, noch im Frack und die verwilderten Katzen fütternd.

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