In María Carmens Garten

November 29, 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Von hier aus sehe ich das Labyrinth, zumindest einen Teil davon. Ich sitze vor einer kleinen Hütte, una casita, im Barranco de Arguineguín. Die Sonne scheint auf diesen Block hier vor mir, auf meine Hände, der Wind ist aufgefrischt, eine unruhige Brise kitzelt meine Ohr und meine linke Seite, lässt das Badetuch flattern, das neben mir auf dem Holzgeländer hängt. Es ist eine Idylle, die sich vor meinem Blick ausbreitet: Um mich herum ragen schroffe braune und graue Felsen auf, vulkanischen Ursprungs, im Laufe von Jahrtausenden durch reißende Ströme von Regenwasser ausgehöhlt, die aus dem Bergland in der Inselmitte Richtung Meer tosten.

Doch auf den leicht geschwungenen Terrassen in den Steilhängen, teils natürlich entstanden, teils von fleißigen canarios angelegt, ist es sattgrün: Palmen, tropische Büsche – Feigen, Nüsse, Mandeln, Orangen – und auch die für die Insel typischen Trockenpflanzen stehen hier. Weiter unterhalb, in María Carmens Garten, sehe ich Gemüsebeete, Geranien, einen Mandelbaum, Palmwedel. Und das Labyrinth. Ich war noch nicht unten beim Steinkreis aus rund gewaschenen, auf dem Boden ausgelegten Kieselsteinen, bin noch nicht durch die Gemüsebeete hinabgestiegen. Es reicht mir, es von hier zu sehen, zu wissen, dass es da ist, das Symbol, mein angenommenes Totem, Zeichen meines Suchens und Irrens. Locke. Spirale. Welle. Im Kreis gehen. Um doch schließlich irgendwo anzukommen.

Über dem Labyrinth und über dem Barranco erhebt sich eine Szenerie aus hoch aufragenden Bergrücken. Felsköpfe blicken in steinerner Majestät gen Himmel. Wind und Wolken, Vegetation und die menschliche Rasse, ja, auch die Betonburgen unten in Puerto Rico und Taurito sind nur eine zeitweilige Dekoration, mögen versuchen, sich kurzzeitig in den Vordergrund zu drängen, doch die Präsenz dieser Berge ist unaufdringlich aber unübersehbar. Stumm herrschen sie über die Täler.

Nun bin ich umgezogen und sitze im Schatten am Tisch vor der Küche. Ein großer Holzverschlag mit Theke. Voll ausgestattet, Herd, Kühlschrank, Kochutensilien, alles da. Und sie ist in den Fels gebaut. Wie fast alles hier: die Toiletten und Duschen daneben, unsere casita weiter oben und auch María Carmens kleines Haus. Über mir, über dem Sonnendach des Freiluft-Esszimmers türmt sich die überhängende Felswand hoch hinauf. Unter dem Überhang gibt es ein gemauertes Wasserbecken und Raum für mehrere Camping-Zelte. Jetzt ist alles leer. Wir sind allein.

Oben vor der Hütte spielt Dietmar Gitarre, daneben plappert und plärrt Philipp – dort war es mir zu unruhig zum Schreiben, und der Wind war auch unruhig, züngelte unsichtbar über meine Haut.

Wolle sagte: Viele, die hier auf der Insel bleiben wollen, lassen sich ein Haus, ein Grundstück mit einer tollen Aussicht andrehen, aber sie vergessen den Wind. Der Wind bläst 363 Tage im Jahr. Was hast du von einem Haus mit Aussicht auf Gran Canaria, wenn du nur zwei Tage im Jahr auf der Veranda sitzen kannst? Er selbst, Wolle, Musiker und ein Freund Dietmars, kam vor zwanzig Jahren mit seiner Frau her. Und hatte Glück: für einen Spottpreis kaufte er eine kleine finca etwa zehn Kilometer von hier in Cercado de las Espinas, 400 Meter tiefer im Tal gelegen. Dort gibt es eine Aussicht hinunter auf den Ort und das Tal hinauf, Richtung Soria. Und keinen Wind.

Zum Glück halten auch hier, zwischen der Küche und María Carmens Garten, die Feige und andere Bäume den Wind ab. Von hier aus sehe ich das Labyrinth nicht mehr, schaue stattdessen auf María Carmens Terrassen mit den Gemüsebeeten. Weiter den Hang hinunter ist sie mit einigen Helfern gerade mit schwerem Gerät bei der Arbeit. Ich kann sie nicht sehen, aber hören: Vom Geräusch her vermute ich, dass sie einen Gartenpflug benutzen, einen kleinen Traktor ohne Sitz, den man mit einem Motorradlenker und im Gehen steuert.

Jetzt ist Pause, Stille, auch keine Gitarrenakkorde wehen mehr herüber, zu hören ist nur noch der Wind, der vom Meer her weht – auf seine unsichtbare, wechselhafte Weise scheint er ebenso ewig und unveränderlich wie die Felsenhäupter der Berge. Tauben gurren. Ein Kleinflugzeug brummt von fern. Wind. Stille. Wind.

Siggi, Jacquelines Freund, arbeitet seit vier Jahren als Reiseleiter auf der Insel. Davor war er Banker in Berlin und New York. Er sagte: Die Stille kann bedrückend werden. Nach einigen Stunden im Barranco und nach zehn Tagen Strandurlaub in Máspalomas, gleich neben dem dicht bevölkerten Ballermann von Playa del Inglés, empfinde ich die Stille gar nicht als bedrückend. Die wenigen Geräusche hier sprechen vom Treiben und von der Arbeit der Menschen, die im Tal leben. Jetzt bellt ein Hund, vielleicht ist es Budy, María Carmens Hund, der zweihundert Meter den Steilpfad hinauf an seiner Kette wacht. Diese Auffahrt ist im unteren Teil nur mit Vierradantrieb befahrbar und windet sich etwa zweieinhalb Kilometer den Hang hinauf bis zur Hauptstraße. Heute morgen konnte ich von dort oben, von der Straße aus, das Meer sehen, ein blassgraues Dreieck, weit in der Ferne zwischen den niedriger werdenden Berghängen.

Auf dem steilen Weg hatte ich gedacht: Kein Wunder, dass die canarios meist klein und stämmig sind, Bergbewohner eben, wie Waliser, Schotten und Bayern. Es sind die Flachländer, Küstenbewohner, die groß werden. Bergbewohner sind gedrungen und kräftig. Wahrscheinlich ist es ein Vorteil, kompakt und kräftig zu sein, wegen der schmalen und steilen Pfade, wegen der harten Arbeit auf den Terrassen, und der engen Hütten oder Höhlen. Früher lebten viele canarios wirklich in Höhlenwohnungen, später entdeckten dann die Aussteiger aus Mitteleuropa die Höhlen für sich. Jetzt wohnen auch wir, die ein glücklicher Zufall in María Carmens Garten geführt hat, immerhin fast in einer Höhle: unser Häuschen ist in die natürliche Felswand hineingebaut, wunderschön und gemütlich, mit zwei Betten und einem winzigem Badezimmer aus Glasbausteinen.

Siggi erzählte auch, hier seien es die Alten, die in den abschüssigen Orangengärten die Früchte ernteten. Die Jungen hätten die Bergdörfer verlassen, arbeiteten im Tourismus, in Las Palmas oder auf dem Festland. Auch die marokkanischen Einwanderer würden nicht in der Landwirtschaft, sondern in den Bettenburgen an der Küste arbeiten: als Putzmann oder -frau verdient man leichter und viel mehr. Eine graue, unscheinbare Armee von Pflückern also erntet die leuchtenden Früchte, kleine alte Männer in Sakkos und festen Schuhen, wie die, die auf den Plätzen der Insel in Gruppen zusammen sitzen. Heute morgen, nach dem steilen Anstieg hoch nach Soria sah ich genau so einen Alten im Café Fernando sitzen, als ich auf der Suche nach frischem Brot dort vorbeischaute.

Letzte Nach hatte ich lange mit Dietmar vor unserer Hütte auf der kleinen Veranda mit dem Holzgeländer gesessen. Drinnen schliefen Jacqueline und Philipp. Wir waren gerade erst angekommen und aßen improvisierte tapas: Knäckebrot, Chorizo, Ziegenkäse, Tomatenscheiben und in mojo verde eingelegte Sardinen. Dazu gab es Cariñena-Rotwein vom Festland, Grillengezirpe und einen Himmel voller Sterne. Noch nie, so kam es mir vor, hatte ich Orion so gesehen, mit dichten Sternenhaufen an seinem Gürtel.

Wir sprachen über das Leben und die Kunst, die Ekstase beim Musik spielen, schreiben und singen. Dietmars Philosophie ist die eines Surfers: Die Möglichkeiten im Leben kommen in Wellen. Eines Tages habe ich gelernt, mich auf den Wellenkamm hinaufzuschwingen und die Brandung zu reiten. Ich sprach davon, dass man der Kraft, die dich beim Musikmachen oder Schreiben reitet, die Möglichkeit dazu geben muss. Und dass man wohl Ausdauer und Geduld braucht, herauszufinden, wann und wie sie am besten fließen kann. Und dass sie manchmal vielleicht nicht zu fließen scheint. Dann muss man warten. Oder an einen Ort gehen wie diesen.

Wir redeten und tranken. Dietmar hatte schon vor einer Weile den Schein des Mondes in den Wolkenschleiern der anderen Talseite heller werden sehen und während wir redeten, schauten wir abwartend in diesen Teil des Himmels. Auf einmal, Blamm! blendete uns eine Sichel aus strahlender Helligkeit fast: der Mond begann langsam über die Bergspitze zu klettern, versah den Kopf des Felsens mit einem Heiligenschein und machte uns sprachlos. Es dauerte etwa fünf Minuten – oder waren es zwanzig? – bis die leicht abnehmende Scheibe ganz am Himmel über dem Berg stand.

Wir löschten unsere Lampe und nun war alles, was wir noch sahen, wie aus silbernen Spinnwebfäden gesponnen, mit weichem und doch hellem Licht übergossen, das überraschend scharfe Schatten warf. Wir saßen noch eine Weile zusammen, redeten noch ein paar belanglose Worte und gingen dann hinein, warfen uns in die Arme unsinniger Träume, atmeten regelmäßig, während draußen, zur Morgendämmerung hin, der Wind erwachte und in unruhigen Stößen durch María Carmens Garten fuhr, auf seinem Weg den Barranco hinunter, ans Meer.

Soria, Gran Canaria, 07.02.2007

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