Wer war’s? (Teil 6)

Dezember 4, 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

In ihrer Jugend ist es für Frauen in Deutschland nicht möglich zu studieren, deshalb geht sie für ihr Studium der Geschichte und Philosophie in ein Nachbarland. Im Fach Geschichte wird sie dort auch promoviert. Nach dem Studium arbeitet sie zunächst als Bibliothekarin, doch dieser Beruf erfüllt sie wenig: „Seit ich die ersehnte Bibliothekarsstelle habe, leide ich an Melancholie und Lebensüberdruß!“ schreibt sie in einem Brief an eine Bekannte.

Sie beginnt, als Lehrerin in verschiedenen Städten des deutschsprachigen Raums zu arbeiten. In Wien lernt sie ihren späteren Mann kennen, einen Ausländer, dem sie bald in seine Heimat folgt, wo sie die jüngere politische Geschichte des Landes in einer dort viel beachteten Studie aufarbeitet. Außerdem veröffentlicht sie Lyrik und später auch Prosa, zum Teil aber unter männlichem Pseudonym. Von ihrem ersten Mann trennt sie sich nach einigen Jahren, um ihre Jugendliebe zu heiraten. Doch auch diese Ehe wird nicht glücklich.

Da die Regierung in der Heimat ihres ersten Mannes sie und ihre Arbeit schätzt, wird sie später in ihrer deutschen Heimat von den Nationalsozialisten nicht behelligt. Zwar erklärt sie diesen nie ihre Loyalität, doch man lässt die Akademikerin immerhin in Ruhe, auch nach ihrem Austritt aus der Akademie der Wissenschaften, deren erstes weibliches Mitglied sie gewesen war. Diesen Schritt begründet sie so: „[D]ie Zentralisierung, der Zwang, die brutalen Methoden, die Diffamierung Andersdenkender, das prahlerische Selbstlob halte ich für undeutsch und unheilvoll. Bei einer so sehr von der staatlich vorgeschriebenen abweichenden Auffassung halte ich es für unmöglich in einer staatlichen Akademie zu bleiben.“

Heute erscheint sie, trotz ihres Bekenntnisses zur Republik, als zwiespältige Persönlichkeit: der Grundtenor ihrer Werke ist national-konservativ und so kann sie auch in der Nazi-Zeit veröffentlichen (auch wenn ihr bei der Arbeit Steine in den Weg gelegt werden). Die höchsten Machthaber gratulieren zum Geburtstag, doch zugleich hat sie Kontakt mit den Verschwörern um Graf Stauffenberg. Ebenso zwiespältig ihre Haltung zur Frauenemanzipation: obwohl sie als eine der ersten Frauen zielstrebig und gegen alle Hindernisse eine akademische Karriere verfolgte, wahrt die Schriftstellerin Distanz zur Frauenbewegung. In ihrer Jugend galt ihr das Frauenwahlrecht als ein Ausdruck von Dekadenz. Als es schließlich eingeführt wird, nutzt sie es selbstverständlich. Wer war’s?

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