Abtauchen oder untergehen

Mai 17, 2008 § 4 Kommentare

„Floaten Sie!“

Treibgut: Ein über Bord gegangener Container, halb unter Wasser, eckig, bunt, eine Gefahr für die Schifffahrt; leerer, tönender Blechkasten, von den Wellen gestupst und von den Strömungen getragen; als Fracht die Stille, das Plätschern, das Brüllen des Ozeans. Vielleicht wird er, zufällig, einmal aufgefischt werden, wahrscheinlich aber niemals einen Hafen, eine Destination erreichen.

Sich dem Meer überlassen, irgendwo angespült werden oder immer weiter unterwegs sein: in die unerhörte Fremde.

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Nerven. Gehirnzellen-Aktivität. Winzige Entladungen, elektrische Blitze. Winzige Sonnen, Supernovae, die aufleuchten und verglühen.

Gespräch mit F.: Die Anzahl der Sonnen in unserem Universum entspricht der Anzahl der Zellen unseres Gehirns – etwa 100 Milliarden.

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Rilke:

„Die Dinge sind alle nicht so faßbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raume, den nie ein Wort betreten hat, und unsagbarer als alle sind die Kunst-Werke, geheimnisvolle Existenzen, deren Leben neben dem unseren, das vergeht, dauert.“

Für mich sind Worte Reflexionen, blitzende Spiegelungen auf einer bewegten Wasserfläche. Das wirklich Wichtige vollzieht sich, da folge ich Rilke, in einem Raum des Unsagbaren, gleichsam unter Wasser. Ich habe Hoffnung für die Kunst, aber mir fehlt Rilkes unerschütterlicher Glauben an – oder Wissen um? – die Unvergänglichkeit von Kunstwerken. Vielleicht bin ich noch immer mehr Kritiker als Dichter.

Als Dichter gilt es, Rilke zu folgen: Diesen Glauben wahr zu machen. Wahr zu nehmen. Eine Sprache (oder Musik?) der Tiefsee zu finden, für die bleierne Last auf dem Ohr, das dumpfe Rauschen im Schädel, für das ungeheure Schweigen und Dunkel und die fragilen, durchscheinenden, phosphoreszierenden Gestalten darin.

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Abtauchen oder untergehen.

Selbstzweifel

Mai 17, 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Der Dichter als komischer Vogel, Stimmenimitator, Papagei. Wünscht sich, kein Risiko einzugehen und ein möglicherweise taubes Ei unauffällig zu bebrüten. Hat das Fliegen darüber vollkommen vergessen.

Splitter/Gesudeltes

Mai 17, 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Emblem: Der Stiermensch, konzentriert, mit Stift auf einem Felsbrocken, schreibend.

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In mir: Ein großer hallender Raum. Leider meist voll gestellt – mit Gedanken, vorgefertigten Worten, Sätzen, Wendungen. Die Halle, das Kirchenschiff, ist ein Raum der Möglichkeiten: hier raunt es, rauscht es, könnte sich das Potenzial des Rauschens, des white noise entfalten. Ein Geräusch, das potenziell alle Laute enthält. Das Fließen des Wassers. Das Rauschen der Bäume. Das leise Summen der Stadt. Die Romantiker, vor allem Eichendorff, wussten um seine Bedeutung: Stille und Rauschen, nichts anderes ist der Grundstoff der Poesie.

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Ein Gedicht: Eine Kathedrale aus Rhythmus und Stille.

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(kathedrale)

umgekehrtes schiff
treibt kieloben im blau
zitternd, wie espenlaub
aufgehängt am faden
zwischen himmel und erde.

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Wenn Du die Schönheit liebst, musst du auch in ihre Kirche gehen: das Leben.

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Vorfrühling:

April is the cruellest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory with desire, stirring
Dull roots with spring rain.
(T.S. Eliot, „The Waste Land“)

Ein dumpfes Bündel Nerven, bunched up, verknäult. Entfaltung unter den Strahlen der frühen und kraftvollen Sonne. Denken an T.S. Eliot und seine Depressionen – für zerebrale Naturen (wie ihn) eine brutale Zeit, der Übergang vom „Tod-im-Leben“ des Winters zu einer quicken und üppigen, vor Sinnlichkeit explodierenden Frühlingslandschaft.

Die Kirschblüte am Kanalufer: zartviolette Explosionen, wie von Kirchner. Weiter unten, rechter Hand: das Wasser des Kanals, schwarzgrün und verhalten silbern schimmernd.

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Fear death by water?

Wo bin ich?

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