Im Atelier

Juni 27, 2008 § Ein Kommentar

Ich fange an zu glauben, dass ich sie mir ausgesucht habe, damit sie mir zeigt, wie man Künstler ist. Bei unserem ersten Treffen hatte wir schon über das Künstler-Sein gesprochen. Über das Bildnis des Dorian Gray. Wilde schreibt, sagte Jenny, dass viele schlechte Künstler interessante Menschen seien. Die Kreativität käme bei ihnen nicht in der Kunst zum Ausdruck, sie müssten sie leben. Wohingegen gute Künstler völlig uninteressante Menschen seien, die ganz in ihrer Kunst aufgingen. Klingt richtig, dachte ich, und ich fragte mich gleich: Wie ist das bei mir? Wahrscheinlich eher schlechter Künstler. Interessanter Mensch? Keine Ahnung.

Wir hatten es schwer gehabt, uns zu unterhalten, bei diesem ersten Treffen. Wir sind beide eher zurückhaltend. Vielleicht war es auch der Altersunterschied. Kamen immer wieder auf Jennys ältere Schwester Henriette, zu sprechen, die das gleiche studiert hat wie ich. Henriette, Jenny: Namen wie aus einem Roman. Bruchstücke einer möglichen Geschichte, die mich selbst und mein Begehren enthält. Und meine Zweifel, natürlich. Als sie es mir anbot, wollte ich sie gern in ihrem Atelier besuchen kommen.

Ich hatte bis dahin nie richtig wahrgenommen, wie schmal sie war. Ich fühlte es, als sie mir im  gespenstisch hallenden Foyer der Uni entgegenkam und wir uns kurz und etwas scheu umarmten. Ihre Schultern: Vogelknochen. Braucht man, um fliegen zu können, vielleicht. Um ein Künstler zu sein. Dachte ich. Zu ihren blauen Augen passte das weite alte Hemd in derselben Farbe gut. „Hallo“, sagte sie, „versteckst du dich?“ Tatsächlich hatte ich für den Pförtner so tun wollen, als würde ich den Weg zum Atelier kennen und mich prompt in einem der Gänge verlaufen. Sie hatte mich gewarnt, dass Fremden der Zutritt zur Hochschule und zu den Ateliers eigentlich streng verboten sei, ich müsse also am Eingang so tun, als sei ich einer der Studenten. Mich zu verstellen ist etwas, dass ich hasse und nicht gut kann und daher vermeide und verweigere, wo es geht.

Diesmal aber war ich das im Grunde lächerliche Risiko des Scheiterns eingegangen und hatte es geschafft: Ich war drin, im bewachten Palast, in der Schatzkammer, im geheimen Tempel. Ein kleines bestandenes Abenteuer. Dafür gab der Bau aus der Kaiserzeit eine ideale Kulisse ab, leer und still, wie er war, an diesem dunkelnden nassen Sonntagnachmittag im März. Durch den regentropfenden Garten folgte ich ihr in den hinteren, südlichen Flügel. Sie öffnete eine Tür im dunklen Korridor des oberen Stockwerks, unter der ein Spaltbreit Licht durchschimmerte. Von der plötzlichen Helligkeit war ich geblendet und beeindruckt: ein Raum von etwa dreißig Quadratmetern, angefüllt mit taghellem Licht aus Neonröhren, an der Wand ein Spülstein. Der Boden wild farbbekleckst, ein paar Schemel, Tischchen und Schränke vom Sperrmüll standen herum und Staffeleien. Musik kam aus einem tragbaren CD-Spieler. Joy Division. Ihr Arbeitsplatz.

Zwei kleine Ölbilder hingen an der Wand. Eines zeigte einen schmalen, schwarz gekleideten jungen Mann mit markantem Kopf und starkem Kinn, der den Betrachter durch eine dicke Brille anschaute, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand. (Die nicht gut gelungen war. Jenny sagte später: Ich kann keine Hände.) Das zweite Bild fand ich faszinierender. Auf ihm war aus von schräg oben, wie von der Zimmerdecke herab, Jennys Schwester zu sehen, ihren Blick auf ein Gegenüber in der unteren Bildecke gerichtet. Dieser Mann, der nur von hinten und seitlich zu sehen war, streckte seine Arme und Hände nach Henriette aus, in einer nicht so sehr zärtlichen als besitzergreifenden Geste. Ich fand die dargestellte Szene beunruhigend. Henriette erschien wie in die Ecke gedrängt, zugleich entzog sie sich dem Mann. Macht, Begehren, Verweigerung, Gewalt – hier waren hundert Ängste, alle dunklen Aspekte einer Liebesbeziehung leicht berührt. Love will tear us apart. Again.

Jenny zeigte mir einige Zeichnungen, auf die sie stolz war. Die Vorlagen waren Experimente, Nebenprodukte eines langweiligen Ferienjobs: schwarzweiße Fotokopien ihres Gesichts, die ich schon kannte. Nun hatte sie auf weißem Papier dieselben Konturen mit haarfeinen parallelen Bleistiftstrichen nachgezeichnet. Nase, geschlossene Lider, Wangen, Kinn waren etwas eingedrückt, nicht gleich zu erkennen. Ein Hexengesicht, hatte Michael heimlich zu mir gemeint, als Jenny uns die Kopien gezeigt hatte. Mich erinnerten sie eher an Ultraschallbilder oder an seltsame Meerestiere. Gekräuselte Nasenmuschel. Seepferd. Embryo. Die langen Linien in den Zeichnungen wie die Fäden von Medusen in schweren dunklem Wasser.

Zuvor hatten wir in der leeren Cafeteria der Hochschule gesessen, geraucht und über die Ölmalerei und die einzelnen Arbeitsschritte gesprochen. Das heißt, Jenny hatte geredet und mir erklärt: Dass die Grundierung aus Knochenleim und einem weißen Pulver besteht, dessen Name ich vergessen habe, mit Terpentin angerührt wird und ganz gleichmäßig aufgetragen werden muss, sonst reißt sie beim Trocknen. Derzeit arbeite sie an einem Bild, für das sie ein Gesicht brauchte – ob ich ihr dafür nicht Modell sitzen wolle. Mein Gesicht als Vorlage für eine noch gesichtslose Figur: Ein knieender Mann mit eigenartig hoher Frisur (oder mit Pelzmütze, sagte Jenny). Nur wenn ich wolle, ich täte ihr einen Gefallen. Kein Problem, gerne, versicherte ich.

Etwas später saß ich also, gebeugt, auf einem Schemel vor ihrer Leinwand. Die Scheiben der hohen Fenster gleißten und zeigten das Dunkel draußen und das Helle drinnen gleichzeitig, wie die Oberfläche eines Sees im Sonnenlicht: schwarzes Wasser, strahlende Reflexe. Jennys scheues Lächeln ließ sie sehr jung wirken. Ich sah, dass ihre Hände zitterten. Für einige lange, intensive Momente befand ich mich in ihnen, schmalen, kraftvollen, perfekt geformten Händen und im Zentrum einer Aufmerksamkeit, die weit größer war als sie und ich. Ian Curtis sang, draußen taten dasselbe die Amseln, nur wesentlich gelöster, glücklicher. In mir sang die Hoffnung: Dass solche Hände ein formloses Wesen – mich – gestalten und freilassen würden, ein Wesen, das, eben noch formlos, plötzlich Flügel streckt und taumelnd aufflattert, hinein in die Geometrie des Raums, des white cube, des weißen Rechtecks und das dann, Seevogel, alle spiegelnden oder monochromen Oberflächen durchstößt und eintaucht in ein flüssiges Dahinter voller undeutlicher Schemen. Und über alle Flächen und Mauern hinweg kraftvoll den Raum des Imaginären durchschwimmt.

Aus meinen Höhenflug reißt mich ihre unsichere Bemerkung: Ob ich mal gucken wolle. Es sei nicht wirklich gut geworden, sei eben schwierig. Meine Nase, finden ich und sie, und die Kinnpartie sind wiederzuerkennen. Ich lobe den realistischen Hautton. Trotz ihrer Unsicherheit meine ich, eine innere Stärke zu spüren. Vielleicht sieht sie sie selbst nicht. Sind die Charakterzüge eines Menschen nicht in einem Menschen verborgen, wie im Stein die Skulptur, die darauf wartet, freigelegt zu werden? Oder wie die Form, das Gesicht, das geflügelte Tier in einer weißen Leinwand wartet? Und wie darf ich antworten, wenn jemand fragt: Versteckst du dich?

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§ Eine Antwort auf Im Atelier

  • 500beine sagt:

    oscar wilde hat recht (gehabt).

    beispiel: all die leute, die so gerne posaunen, „ich könnte ein buch schreiben, so viel hab ich erlebt“, die schreiben keine bücher, auch wenn sie -live- noch so farbig und interessant erzählen können.

    ein echter schreiber dagegen erzählt seine geschichten nur sich selbst und dem papier. und wirkt eher – blass.

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