Die ganze Zeit

Oktober 12, 2008 § 2 Kommentare

Auf der Bank sitzen und darauf warten, dass die Sonne rumkommt. Noch scheint sie durch einen Schirm, den keine Kunsthandwerkerin geschickter anfertigen könnte: Gehänge, Vorhang, ein Rausch aus grünen und gelben Blättern. Die Robinie leuchtet. Mücken schweben auf der diesigen Nachmittagsluft. Viele Stellen der Stadt hat der Herbst wie mit Leuchtstift markiert: Hier, ein Baum!

Nachmittag im Innern einer blauen, weißgeäderten Murmel. Oder in einer riesigen, zart mundgeblasenen Schneekugel. Fehlt nur, dass ein Kind das Ganze schüttelt und auf einmal weiße Flocken stieben und die Mücken das Fürchten bekommen. (Das Kind heißt Winter.)

Kann sein, dass der Husky, der da drüben neben dem Typen mit der Säufernase liegt, genau darauf wartet. Warten lohnt sich: Während mir die Nase läuft und meine Hand blaue Linien auf das Papier macht, ist die Sonne rumgekommen. Kann ich mir also endlich den Sonnenschein teilen mit der jungen Frau auf der Bank nebenan. In ihr englisches Buch vertieft ist sie. War sie. Warum mach‘ ich’s nicht wie die Oma, die herangewackelt kommt und einfach fragt, ob sie sich zu ihr setzen darf?

Gut, darf sie, sind genug Sonnenstrahlen für alle da. Und Oma wartet vielleicht auch schon am längsten. Kann sein. Kann aber auch sein, dass sie einfach alle Tricks kennt, in ihrem Alter. Ah, da sind ja auch die Altweiberfäden. Eindeutig: Das ist der Herbst.

Was is’ nun, Sonne? Müsste eigentlich längst auf mich scheinen. Scheint, als gäbe kein Morgen, aber da drüben. (Gibt es auch nicht. Gibt nur jetzt. Und das immer. Die ganze Zeit ist jetzt.)

Nur Geduld. Und da ist sie auch schon. Tastet mit warmen Strahlenfingerchen übers Papier. Streichelt über die Gesichter und die Brüste der Frauen. Männer lassen sich das nicht so gern gefallen, die bleiben blass, da kann die Sonne machen, was sie will. Der Alki-Typ mit dem Hund macht auf Schattenkreatur, sitzt gegenüber und will gefährlich aussehen. Während wir hier leise in Ekstase geraten. Jetzt dreht sie sogar richtig auf. Wir bekommen die volle Strahlenmassage ab. Ah!

Die Zeit steht nicht still, aber die Augenblicke fließen gleichmäßig vorüber wie dickflüssiges geschmolzenes Glas. Tief unten bewegt sich etwas, es schüttelt mich in Bauch und Brust, Atem entweicht in einem Stoß. The man gasped.

Oma steht ächzend auf und geht schwankend Richtung Straße. Das sanfte Streicheln tut gut. Ich entspanne. Seufze. Nase läuft weiter. Hand bewegt sich weiter. Die Sonne rückt weiter Richtung Sportplatz vor. Schon berührt sie die Spitzen der Bäume am anderen Kanalufer. Die leuchten aber nicht, die stehen schwarz und gemahnen an den Abend.

Nabend. Der Husky bellt plötzlich, es endet in einem hochgezogenen Jaulen. Spürt er den Schnee schon? Mein Magen knurrt. Ich stehe auf und gehe. In Richtung der aufgehenden Sonne.

Morgen. Morgen sehen wir uns wieder. Oder nie. Jetzt oder nie. Dabei scheint sie immer. Die ganze Zeit. Jetzt.

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