Der Verdächtige

Januar 20, 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspült von der Eile der anderen, es ist ein Bad in der Brandung. Aber meine lieben Berliner Mitbürger machen einem das nicht leicht, wenn man ihnen auch noch so geschickt ausbiegt. Ich bekomme immer mißtrauische Blicke ab, wenn ich versuche, zwischen den Geschäftigen zu flanieren. Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb.

Die hurtigen, straffen Großstadtmädchen mit den unersättlich offenen Mündern werden ungehalten, wenn meine Blicke sich des längeren auf ihren segelnden Schultern und schwebenden Wangen niederlassen. Nicht als ob sie überhaupt etwas dagegen hätten, angesehen zu werden. Aber dieser Zeitlupenblick des harmlosen Zuschauers enerviert sie. Sie merken, dass bei mir nichts „dahinter!“ steckt.

Nein, es steckt nichts dahinter. Ich möchte beim Ersten Blick verweilen. Ich möchte den ersten Blick auf die Stadt, in der ich lebe, gewinnen, oder wiederfinden. . .

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Hierzulande muss man müssen, sonst darf man nicht. Hier geht man nicht wo, sondern wohin. Es ist nicht leicht für unsereinen.

Franz Hessel, Spazieren in Berlin. Berlin, 1929.

Wenn man genau hinsieht

Oktober 30, 2007 § Hinterlasse einen Kommentar

Im Café am Ufer des Flusses. Um die Ecke das Weserstadion, wo das Spiel Werder gegen Schalke wohl auch schon eine Viertelstunde alt ist. Leider dreht man jetzt auch den Ton des Fernsehers auf, vielleicht hat man meine suchenden Blicke auf den Bildschirm missverstanden. Eine Dame verzieht sich dezent in einen der unteren Räume. Ich bin hier wohl im oberen, im „rauchfreien“ Café. Was mir nicht unangenehm ist. „Fußballfreies Café“ wäre aber auch OK. Ich sitze, trinke Latte macchiato und polke mir Amarettini-Reste zwischen den Zähnen hervor. Bin in einer etwas bräsigen Feiertagsstimmung, die eigentlich ein Idealzustand ist: Laufen, schauen, sitzen, essen, Kaffee trinken, nichts weiter zu tun, als eine fremde, aber nicht völlig unbekannte Stadt anzuschauen. In ein Schlendern hineinkommen. Oder: verfallen. Flanieren. Sich keine Gedanken machen, sondern sie auch einfach nur schlendern lassen, die Gedanken.
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Szene am Sommerabend

November 7, 2006 § 2 Kommentare

Ein warmer Spätsommerabend, nach der Arbeit. Im „Sofia“, Wrangelstraße. Nett hier, und nach den ersten Schlucken Weißwein ist das Leben nicht mehr ganz so trist. Es läuft schöne ausländische, größtenteils französische Popmusik, dem Klang nach entweder aus den Sechzigern oder ultrahippe Neo-Sechziger. Glaube, die belgischen Vaya Con Dios zu erkennen. Das „Sofia“ ist ein ziemlich szeniger, linker und verranzter Schuppen im mittlerweile sehr angesagten Wrangelkiez. War entweder früher mal ein Döner- oder Gözleme-Laden, für das geschulte Auge anhand eines Reliefs an der Wand, eine türkische Hirten- und Bauernszene, leicht auszumachen. Die Gipshöhle in der anderen Ecke alleine hätte auf eine italienische Billig-Pizzeria hingedeutet.

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Herbstnachmittag am Dreiländereck

September 26, 2006 § Hinterlasse einen Kommentar

Mein Lieblingsplatz zum Schreiben und für die Tagedieberei ist an der Lohmühlenbrücke, am Dreiländereck, wo Treptow, Neukölln und Kreuzberg zusammenstoßen. Hier am Landwehrkanal, im ehemaligen Grenzstreifen, gibt es sommers einen der schönsten Sonnenuntergänge der Stadt (und ich stelle mich auch auf die Modersohnbrücke und sage das!). Und vor allem: hier hat man seine Ruhe. Meistens jedenfalls. Vier Bänke stehen sich hier paarweise gegenüber, ideal für Möchtegern-Literaten, Tagediebe und alle Existenzen dazwischen. Hier habe ich im Frühsommer so manchen späten Morgen schreibend verbracht. Heute aber ist der Platz an der Sonne von dem grotesk dicken, vielleicht kranken älteren Herrn besetzt, den man hier oft sieht. Meist mit Fahrrad, manchmal auch mit einem Elektrorollstuhl, mit dem man auch über den Golfplatz fahren könnte. Immer sitzt er ohne T-Shirt in der Sonne. Heute sogar nur in Unterhose. Die Sonne hat seine Haut schon in einem satten Terrakotta getönt. Zum Glück hat er heute wenigstens nicht seinen Ghettoblaster mit den Schlagertapes dabei. Der gute Platz ist also weg, ich setze mich an die Ufermauer, direkt an das Wasser des Landwehrkanals.

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