Mach Dir ein Bild

Juni 23, 2008 § Ein Kommentar

Heißer Sommersonntag im Görlitzer Park, Berlin-Kreuzberg. Die Sonne knallt. Verkatertes Picknick im Schatten mit Freunden, darunter einige junge, gutaussehende Frauen. Um uns herum türkische Familien beim Grillen. Fußballspielende Kinder krakeelen. Eine ebenfalls recht junge, aber nicht ganz so gutaussehende blonde Frau spricht die Mädels auf unserer Decke an: Sie käme von einer Zeitung, wie sie es denn fänden, dass Deutschland gegen die Türkei spielt. Und ob sie Fotos von ihnen machen könnte. Accessoires habe sie dabei. Das allein hätte schon stutzig machen können. S. und K. fragen einfach nach: Von welcher Zeitung denn? Von der Bild-Zeitung. Einhelliges Kopfschütteln. S. erklärt der Dame freundlich, die Bild-Zeitung fände sie nicht gut und wolle sie nicht unterstützen. Wünscht ihr noch einen schönen Tag. K. meint zur Dame, sie könne ja nichts dafür. Die blonde Dame wünscht etwas enttäuscht ebenfalls einen guten Tag und trollt sich. S. gibt gegenüber K. zu bedenken, dass ja wohl niemand gezwungen sei, für den Springer-Verlag zu arbeiten. Unvermittelt liest H. laut aus K.s Buch vor, einem soziologischem Reader über Schulen in „Problembezirken“: Die Bild-Zeitung und andere Boulevardmedien trügen maßgeblich zur Vorsortierung von Ausländern in der öffentlichen Wahrnehmung bei, insbesondere durch ihre Berichterstattung zum Thema Jugendkriminalität. Und beförderten daher Diskriminierung. Währenddessen sehe ich, dass nebenan eine junge Frau ein weißblaues Türkei-Fan-Kopftuch auf- und sich an einem Baum in Positur setzt. Bei der grillenden türkischen Großfamilie hat die Dame anscheinend Erfolg. Auf unserer Decke wird die Idee ventiliert und verworfen, nach nebenan zu gehen und aus dem Reader vorzulesen. Was blieb war Unbehagen: Dass Menschen, die in einer von Bild-geprägten Wahrnehmung gerne als gefährliche Fremd-Körper in Deutschland isoliert werden, so wenig Bewusstsein davon haben, wie ihnen geschieht. Will heißen: wer mit dafür verantworlich ist, was geschieht. Und es bleiben Fragen: Wie geht Aufklärung? Wem nutzt die Bildungsmisere?

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Berlin-Gedanken, Juni/August 2006

August 29, 2006 § 2 Kommentare

„Ich stelle mir vor, es kehre Heinrich Heine hier nach Berlin zurück, o Deutschland, es wehet ein fataler Zugwind zwischen dem Hallischen und Oranienburger Tor (Heine, Briefe aus Berlin).“ (Peter Weiss, Notizbücher 1971-1980)

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Ein Gedankenblitz des kapitalistischen Menschen, beim Rolltreppe fahren im neuen Hauptbahnhof; gläserner, flachgelegter Turm zu Babel: Ich als freiberuflicher Stadtführer, als unternehmerische Einheit darf kein Geld ausgeben wenn ich meine unternehmerischen Bedürfnisse befriedige – als Unternehmen „Ich“, als Kohlenstoff-Bandmaschine (Endlosschleife.) Also Austreten und Wasser fassen bei McDoof. In der Toilette der übliche osteuropäische Mensch, Mann oder Frau, wer nimmt diese Klo-Menschen denn wahr? Wahrheit nur das, was gut aussieht, Brüste hat unterm knappen Top und gut riecht. Zähle dennoch, trotz ästhetischer und kapitalistischer Unternehmerbedenken, vierzig Cent in eine Schale. Trinkgeld. Pissgeld. Dürfen die armen Teufel, die das Klo sauber machen, eh nicht behalten, nur einstreichen. Andernorts wird das kleine Geld in riesigen Maschinen gezählt. Auch Kleinvieh macht Mist und: pecunia non olet. Geld stinkt nicht. Auch mit menschlichen Grundbedürfnissen wird Geld gemacht, an Pisse und Scheiße wird verdient. Was verdiene ich? Wo, und gegen wieviel Kleingeld gehe ich austreten? Soll ich wirklich dafür zahlen? So werden wir alle – subtil – vom kapitalistischen System gehirngewaschen. Jeder seines Glückes Schmied.

(Frisch geschmiedete Schwerter wurden früher noch rotglühend in Fäkalien getaucht. Machte sie härter.)

Cut.

Finanzministerium. Haus der Ministerien. „Detlev-Rohwedder-Haus,“ benannt nach dem von der RAF ermordeten Ex-Hoesch-Manager und Treuhandchef. Der amerikanische guide, der Kollege Brian, erzählt laut und atemlos vom Aufstand in Ostberlin am 17. Juni 1953. Arbeiter, mit dem Rücken zur Wand, demonstrierten, kämpften – gegen Unterdrückung im Namen des Sozialismus, der sie doch befreien sollte. „Du bist ein Arbeiterverräter!“ schrien sie dem Minister Willi Stoph entgegen, als der es wagte zu sagen „Ich bin doch auch ein Arbeiter.“

Und heute? Heute gibt es keine Arbeiter mehr. Oder so gut wie keine. Nur noch Unternehmer, wir alle gemeinsam, gegen jeden. Konkurrenz belebt das Geschäft. Mir erscheint sie mörderisch. Kein Hauen und Stechen, aber das Gift des eigenen Vorteils. Ich zum Beispiel verpisse mich unauffällig, ohne zu bezahlen, von Brians englischer „Free Tour“. There is no such thing as a free lunch. Verblendet, wir alle, insbesondere auch die, die es besser wissen müssten, könnten. Das akedemische Proletariat, jetzt tatsächlich zunehmend kinderreicher.

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Lese im Berlin-Lesebuch des Knaur Verlags (dämlicher Titel: Einmal Ku’damm und zurück) und begreife. Begreife, dass ich Berliner geworden bin mir Haut und Haaren. Und dass ich die Stadt teile mit nachdenklichen, klugen, manchmal altklugen und aufgeblasenen aber aufmerksamen Menschen – ein imaginäres Berlin der Dichter und Schreiber, ein historisches Berlin, das untergegangen ist, aber dessen Vergangenheit nie vorbei ist. Dass es in dieser Stadt immer Leute gab und gibt, denen ihre Mitmenschen nicht egal sind. Die, so gut sie können, gegen die herrschenden Verhältnisse anschreiben und auch (in ihren Möglichkeiten) gegen sie angehen.

Und die auch ihr Zögern, ihre Angst und Unsicherheit protokollieren, zum Beispiel Christa Wolf im Auszug aus ihrer Autobiographie Was bleibt: Lesung im Kulturhaus, in den Achtzigern. Im voll besetzten Saal sechs MfS-Leute, vor verschlossener Tür: DDR-Jugend mit Heimweh nach der Zukunft. Hinterher Diskussion der Autorin mit der „Kollegin K“, die die Lesung organisiert hatte. Es stellt sich heraus, dass man die jungen Leute, die die Lesung hören wollten, mit Polizeigewalt „entfernt“ und bedroht hatte. Die Kollegin K. stellt dann aber zur Erleichterung der Anwesenden fest, dass die Lesung „normal“ verlief, in einer „aufgeschlossenen Atmosphäre und zur Zufriedenheit des Publikums.“

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Peter Weiss zitiert Lukács: „Der schlechteste Sozialismus ist besser als der beste Kapitalismus“ (Notizbücher 1971-1980). Da bin ich mir dann doch nicht so sicher.

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Ist es ein Zufall, dass in meinem E-Mail Postkasten ein Aufruf zur Demonstration gegen den Besuch des US-Präsidenten Bush im Juli steckt?

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