Im Atelier

Juni 27, 2008 § Ein Kommentar

Ich fange an zu glauben, dass ich sie mir ausgesucht habe, damit sie mir zeigt, wie man Künstler ist. Bei unserem ersten Treffen hatte wir schon über das Künstler-Sein gesprochen. Über das Bildnis des Dorian Gray. Wilde schreibt, sagte Jenny, dass viele schlechte Künstler interessante Menschen seien. Die Kreativität käme bei ihnen nicht in der Kunst zum Ausdruck, sie müssten sie leben. Wohingegen gute Künstler völlig uninteressante Menschen seien, die ganz in ihrer Kunst aufgingen. « Den Rest dieses Eintrags lesen »

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Juni 23, 2008 § Ein Kommentar

Heißer Sommersonntag im Görlitzer Park, Berlin-Kreuzberg. Die Sonne knallt. Verkatertes Picknick im Schatten mit Freunden, darunter einige junge, gutaussehende Frauen. Um uns herum türkische Familien beim Grillen. Fußballspielende Kinder krakeelen. Eine ebenfalls recht junge, aber nicht ganz so gutaussehende blonde Frau spricht die Mädels auf unserer Decke an: Sie käme von einer Zeitung, wie sie es denn fänden, dass Deutschland gegen die Türkei spielt. Und ob sie Fotos von ihnen machen könnte. Accessoires habe sie dabei. Das allein hätte schon stutzig machen können. S. und K. fragen einfach nach: Von welcher Zeitung denn? Von der Bild-Zeitung. Einhelliges Kopfschütteln. S. erklärt der Dame freundlich, die Bild-Zeitung fände sie nicht gut und wolle sie nicht unterstützen. Wünscht ihr noch einen schönen Tag. K. meint zur Dame, sie könne ja nichts dafür. Die blonde Dame wünscht etwas enttäuscht ebenfalls einen guten Tag und trollt sich. S. gibt gegenüber K. zu bedenken, dass ja wohl niemand gezwungen sei, für den Springer-Verlag zu arbeiten. Unvermittelt liest H. laut aus K.s Buch vor, einem soziologischem Reader über Schulen in „Problembezirken“: Die Bild-Zeitung und andere Boulevardmedien trügen maßgeblich zur Vorsortierung von Ausländern in der öffentlichen Wahrnehmung bei, insbesondere durch ihre Berichterstattung zum Thema Jugendkriminalität. Und beförderten daher Diskriminierung. Währenddessen sehe ich, dass nebenan eine junge Frau ein weißblaues Türkei-Fan-Kopftuch auf- und sich an einem Baum in Positur setzt. Bei der grillenden türkischen Großfamilie hat die Dame anscheinend Erfolg. Auf unserer Decke wird die Idee ventiliert und verworfen, nach nebenan zu gehen und aus dem Reader vorzulesen. Was blieb war Unbehagen: Dass Menschen, die in einer von Bild-geprägten Wahrnehmung gerne als gefährliche Fremd-Körper in Deutschland isoliert werden, so wenig Bewusstsein davon haben, wie ihnen geschieht. Will heißen: wer mit dafür verantworlich ist, was geschieht. Und es bleiben Fragen: Wie geht Aufklärung? Wem nutzt die Bildungsmisere?

To see a world in a grain of sand

Juni 9, 2008 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein kleines Mädchen in roten Gummistiefeln. Sie tapert auf die flache Pfütze zu. Setzt vorsichtig Füße und Stiefel hinein. Beugt den Oberkörper, stützt die Hände auf die Knie, geht ein bisschen in die Hocke und schaut nach unten. Auf das andere Element, das kalt durch ihre Stiefel zu spüren ist. Auf ihr Spiegelbild, ihr Gesicht, mit dem Himmel dahinter. Eine Welt. In einer Pfütze.

Ich liebe es sehr, dieses kleine Mädchen. Ich habe es vor einigen Wochen hier, vor meinem Haus, gesehen. „Beobachtet“ kann man nicht sagen: Ich bin es. Ich weiß noch, wie es war… Den Fuß im Stiefel in eine kalte niederrheinische Pfütze zu halten und nicht nass zu werden. Was ich damals nicht wusste, aber jetzt weiß: Die Pfütze enthielt die Welt. Den Himmel. Alles. Mich.

Wo bin ich?

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